Nachgefragt: Interview mit Sprachbegleitern

Seit acht Wochen haben die TUI InfoTec Mitarbeiter Ulrike Peukert und Uwe Mevert einen Zweit-Job: Als Deutschlehrer unterstützen sie das Projekt „Ich spreche deutsch.“, das gemeinsam von der Deutschlandstiftung Integration und der TUI Stiftung organisiert wird. Zweimal pro Woche bringen insgesamt 30 freiwillige TUI-Kollegen nach Dienstschluss etwa 120 Flüchtlingen in der nahegelegenen Berufsschule Grundkenntnisse der deutschen Sprache bei.

Ein Gespräch unter Kollegen:

Daniela Ennulat: Welche Erfahrungen habt Ihr beiden denn in den vergangenen Wochen gemacht?
Ulrike Peukert und Uwe Mevert aus einem Mund: Nur positive!
Uwe: Nein, ehrlich. Ich hätte nie gedacht, welchen Spaß das macht und wie viel Begeisterung von den Teilnehmern zurückkommt. Alle sind so dankbar und wissbegierig.

Daniela: Und was hat Euch bewegt, neben Eurem Job ehrenamtlich die Schulbank zu drücken?
Ulrike: Ich finde ehrenamtliches Engagement toll. Deshalb unterstütze ich bereits die Hannover-96-Aktion „Trinkbecher für Trinkwasser“, indem ich bei allen Heimspielen des Fußball-Bundesligisten leere Mehrwegbecher im Stadion einsammele. Das Pfand in Höhe von einem Euro fließt dabei in Wasserprojekte der Umweltstiftung Global Nature Fund in Afrika. Zusätzlich wollte ich gerne direkt mit Menschen zu tun haben. Im vergangenen Jahr hatte ich gerade die Stadt Hannover angesprochen als ich im TUI-Intranet den Aufruf nach freiwilligen Deutsch-Lehrern für Flüchtlinge las. Das war genau das, wonach ich gesucht hatte. Außerdem finde ich, ist die Sprache so elementar, dass ich gerne mit meiner Hilfe hier ansetzen möchte.
Uwe: Bei mir war es ähnlich. Ich bin ein sehr politischer Mensch und wollte mich schon immer engagieren. Vor allem möchte ich aber auch zu einem positiveren Bild beitragen.

Daniela: Wie habt Ihr Euch auf Euren neuen Job vorbereitet?
Uwe: Das Tolle war: Wir wurden vorbereitet! Innerhalb eines Wochenendkurses, der von zwei Mitarbeitern des Goethe-Institutes geleitet wurde, lernten wir vieles darüber, was es bedeutet, eine Sprache nicht zu verstehen: Die Dozenten redeten auf Russisch auf uns ein und schrieben in russischer Schriftsprache an die Tafel. Ich fühlte mich komplett verloren. Andere Bestandteile des Vorbereitungsunterrichtes waren die Unterrichtsplanung und –durchführung sowie Bücherkunde. Der Cornelsen-Verlag stellt uns sozusagen zu Forschungszwecken Bücher zur Verfügung, die sie nach unseren Vorschlägen für zukünftige Fremdsprachenklassen anpassen.

Daniela: Was ist mit emotionaler oder gar psychologischer Vorbereitung – für Euch UND die Flüchtlinge? Ich könnte mir vorstellen, dass viele Eurer Schüler Traumatisierendes erlebt haben.
Uwe: Als weiteren Bestandteil des Pilotprojektes war tatsächlich eine psychologische Betreuung durch die MHH geplant, auf die wir aber aus Gründen ausbleibender Inanspruchnahme vermutlich verzichten können.
Ulrike: So hart das vielleicht klingen mag, manchmal bin ich ganz froh, dass unsere Schüler noch nicht über den Wortschatz verfügen, um mit uns über Erlebtes zu sprechen. Aber das ist natürlich auch nicht unsere Zielsetzung. Wir wollen und können Ihnen in der Kürze der Zeit nur einen Grundwortschatz beibringen. Wir Lehrer treffen uns meist vor oder nach den Unterrichtseinheiten, um Erfahrungen auszutauschen oder Tipps zu geben.

Daniela: Welche Schüler sitzen denn in Eurer Klasse? Sind das immer dieselben?
Ulrike: Unsere 12 Schüler sind allesamt männlich, zwischen 18 und 32 Jahren alt und kommen aus unterschiedlichen afrikanischen Staaten. Viele sind regelmäßig da, und wir haben den Eindruck, dass sie sehr gerne kommen und den Unterricht als willkommene Abwechslung zu ihrem Alltag sehen. Sie sind sehr engagiert und machen alle ihre Hausaufgaben. Untereinander scheinen sie sich nicht zu kennen, sie kommen aus unterschiedlichen Einrichtungen und müssen alleine an- und abreisen. Eine Fahrkarte zum Unterricht wird gestellt.

Daniela: Gibt es etwas, was Ihr bezüglich Eurer neuen Aufgabe unterschätzt oder womit Ihr nicht gerechnet habt?
Uwe: Ich – und ich spreche da, glaube ich, für alle – habe die Unterrichtsvorbereitung total unterschätzt. Es ist nicht damit getan, sich vor die Tafel zu stellen und ein paar Worte anzuschreiben. Ulrike und ich haben schnell gemerkt, dass wir zusätzlich zum Unterricht Zeit zur Vorbereitung benötigen. Deshalb treffen wir uns jetzt immer eine Stunde vor Unterrichtsbeginn und sprechen gemeinsam ab, was wir uns vornehmen und wie wir den Stoff rüberbringen bringen wollen.
Ulrike: Ich finde es spannend, dass Vokabeln wie Obst und Gemüse schnell verstanden und gemerkt werden. Mit Jahreszahlen und Daten haben alle noch Schwierigkeiten. Aber wir sehen natürlich auch nach den wenigen Stunden schon, dass es intellektuelle Unterschiede gibt, auf die wir im Prinzip auch eingehen müssen.

Daniela: Also werden an Euch sogar Ansprüche des kooperativen Unterrichtens gestellt?!
Ulrike (lacht): Im Prinzip ja, wobei das Sprachniveau A0 das noch relativ einfach zulässt. Und ich habe nicht gedacht, wie wertvoll Französisch für den Unterricht ist. Nur Deutsch zu sprechen klappt nämlich nicht. Selbst mit Englisch kamen wir bei unseren afrikanischen Schülern nicht immer weiter.

Daniela: Gibt es etwas, was Euch schwerfällt?
Uwe: Ulrike und ich duzen uns untereinander. Damit unsere Schüler das für ihren späteren Alltag wichtige „Sie“ lernen, siezen wir uns jetzt für die Zeit des Unterrichts wieder. Das klappt nicht immer (lacht).

Daniela: Was freut Euch denn an Eurer neuen Aufgabe am meisten?
Uwe: Die Dankbarkeit der Schüler. Zweimal in der Woche in die strahlenden Augen der Jungs zu gucken und zu wissen, die nehmen auf jeden Fall was mit für Ihr weiteres Leben, das ist schon bereichernd.
Ulrike: Ich sehe das wie Uwe und finde es außerdem schön zu sehen, wie langsam eine Beziehung zwischen ihnen und uns entsteht. Es sind so die kleinen Geschichten drum herum, die mich glücklich machen. Uwe erzählte zum Beispiel in der Klasse, ich hätte bald Geburtstag. Ein Schüler ging extra nach Unterrichtsschluss in die Parallelklasse, fragte den Dozenten, was „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ hieße und kam strahlend zurück, um mich mit dem neu gelernten Satz zu überraschen.

Daniela: Wird es weitere Einsteigerkurse ab März geben? Und seid Ihr wieder mit dabei?
Uwe: Es sind weitere Kurse geplant, ob ich allerdings weiterhin im vollen Umfang mitmache, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht als „Springer“, vielleicht versuche ich meine Erfahrungen aber auch an meinem Wohnort Mellendorf weiterzugeben, auch dort werden Freiwillige als „Deutschlehrer“ gesucht.
Ulrike: Ich möchte auf alle Fälle weiter helfen, aber vielleicht in Zukunft eher bei Übersetzungsangelegenheiten oder Schwierigkeiten im Alltag.

Daniela: Toll, vielen Dank für Euer Interview und noch viel Spaß beim Unterrichten!